Dave Eggers: Der Circle

Warum dieses Buch?
Ich finde Zukunftsvisionen spannend, insbesondere wenn es um die Digitale Welt und ihren Einfluss auf unser Leben geht. Ich bin vor mehreren Jahren zufällig auf eine Besprechung des Buchs gestoßen und fand die Vorstellung interessant und beunruhigend, dass ein einzelner Konzern so viel Macht haben könnte.
Gelesen als Ebook.

Dave Eggers - Der Circle

Mae arbeitet beim Circle, dem coolsten Internet-Unternehmen der Welt. Schnell hat sie Erfolg. Doch sie zahlt einen hohen Preis dafür.

Mae ist heilfroh, als sie endlich ihren langweiligen Job bei den Stadtwerken einer kalifornischen Kleinstadt hinter sich lassen kann. Ihre Collegefreundin Annie hat ihr eine Stelle beim angesagtesten Internet-Unternehmen überhaupt besorgt: Dem Circle. Mae lernt schnell, worauf es eigentlich ankommt: Neben ihrer Arbeit im Kundenservice wird von ihr erwartet, permanent in den sozialen Netzwerken aktiv zu sein, an Circle-Veranstaltungen teilzunehmen und in Foren ihre Vorlieben und ihr Privatleben zu teilen. Sie beginnt eine Affäre mit dem mysteriösen Kalden, der zwar im Mitarbeiter-Verzeichnis nicht zu finden ist, sich dafür aber sehr gut auf dem Gelände und im Konzern auszukennen scheint. Was verbirgt er?

Geheimnisse sind Lügen

Der Circle hat ein neues Bezahlsystem entwickelt, das sich bis in privateste Bereiche erstreckt und Nutzer dazu zwingt, ihre Identität online offenzulegen. Jede Online-Aktivität ist verfolgbar und öffentlich, und bald wird es auch das Offline-Leben: Die immer neuen Innovationen des Circle haben ausschließlich zum Ziel, jede Person „gläsern“ zu machen. Unter dem Deckmantel der Nutzerfreundlichkeit werden permanent Neuerungen eingeführt, die angeblich das Leben der User erleichtern, im Grunde aber vor allem riesige verwertbare Datenmengen für den Circle generieren.

Die drei Gründer des Circle haben das Ziel klar vor Augen: Die totale Transparenz. Jeder soll alles von jedem wissen können. Dabei benutzt das Unternehmen brisante Informationen skrupellos dazu, seine Kritiker mundtot zu machen. Trotzdem ist der Siegeszug des Circle ungebrochen, und Mae hilft fleißig dabei mit.

Beeindruckt von den Slogans und Innovationen des Circle, lässt sich Mae nach einem Fehltritt auf ein Experiment ein: Fortan trägt sie eine kleine Kamera um den Hals, die die ganze Welt an ihrem beruflichen wie privaten Leben teilhaben lässt. Ihre Eltern, anfangs große Fans des Circle, müssen nach und nach erkennen, dass der Verlust der Privatsphäre seine Schattenseiten hat. Schließlich verweigern sie sich der permanenten Kameraüberwachung.

Als Maes Ex-Freund Mercer, ein erklärter Gegner des Circle, von Maes Followern regelrecht gejagt wird, eskaliert die Situation. Auch Annie beginnt nach unangenehmen Enthüllungen über ihre Familie an der totalen Transparenz zu zweifeln.

Achtung, Spoiler! Hier verrate ich das Ende

Mercer versucht vergeblich, in die Einsamkeit der Wälder zu flüchten. Maes Follower spüren ihn in kürzester Zeit auf. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern stürzt Mercer von einer Brücke. Nicht einmal dieses tragische Ereignis kann Maes Loyalität erschüttern oder sie auch nur zum Nachdenken bringen.

Schließlich gibt sich der geheimnisvolle Kalden Mae gegenüber zu erkennen: Es ist Ty Gospodinov, einer der Gründer des Circle. Selbst ihm geht der Machtanspruch seines aus den Fugen geratenen „Babys“ zu weit. Er versucht Mae davon zu überzeugen, den Circle zu sabotieren, doch die ist der Ideologie schon viel zu sehr verfallen. Sie verrät ihn an seine beiden Co-Chefs, die ihn umgehend kaltstellen. Während Annie nach einem Zusammenbruch im Koma liegt, überlegt Mae bereits, wie man ihre Gedanken sichtbar machen könnte.

Meine Meinung

Unschwer zu erkennen, hat Dave Eggers für seinen fiktiven Circle die Tech-Giganten Amazon, Alphabet (Google), Microsoft, Apple und Facebook und diverse andere soziale Netzwerke vereint. Sein Circle bündelt die verschiedensten Online- und Offline-Leistungen, hat Internetnutzer gläsern gemacht und erstreckt sich bald auf alle Lebensbereiche des Nutzers. Unter dem Deckmantel des Nutzens für die Gemeinschaft werden immer neue Tools, Programme
und Funktionen eingeführt. Tatsächlichen dienen sie jedoch nur dazu, dem Unternehmen noch mehr Daten über seine Nutzer verschaffen: Daten sind das Gold unserer Zeit.

Mae, stellvertretend für alle Circler und große Teile der übrigen Welt, umarmt begeistert die Möglichkeiten und blendet eventuelle negative Konsequenzen vollständig aus. Im Verlauf des Romans entwickelt sie sich von der Mitläuferin zur Vordenkerin.  Auch wenn die Digital Natives mit dem Internet
und seinen Möglichkeiten groß geworden sind, glaube ich kaum, dass diese Generation sich wie eine Herde Schafe von den trügerischen Slogans des Circle so einlullen ließe. Oder lässt hier „Die Welle“ grüßen?

Mercer als Verkörperung der kritischen Geister fällt kurzerhand der Übermacht der begeisterten Circle-Anhänger zum Opfer, während skeptische Politiker mit ihren dunklen Geheimnissen erpresst und zum Schweigen gebracht werden. Wenn doch nur alle Kritiker so schnell mundtot zu machen wären!

Eggers schafft mit seiner realistischen Darstellung einer Welt, in der jeder alles vom anderen weiß, eine beunruhigende Dystopie des gläsernen Bürgers. Nach der Lektüre hat man das Bedürfnis, sofort seine Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook und Co. zu überprüfen.

Das Ende aber hat mich enttäuscht: Wieso glaubt Ty alias Kalden eigentlich, dass ausgerechnet Mae ihm helfen wird, obwohl sie doch nie nur den geringsten Zweifel am Circle geäußert hat? Sie müsste seine Bedenken doch als viel stärkere Bedrohung empfinden und jegliche Sabotage verhindern. Ich finde, ein Mord hätte der Story einen würdigen Abschluss gegeben.

Buch vs. Film

Anfangs hält sich der Film recht eng an die literarische Vorlage. Die Hauptcharaktere werden vorgestellt, die Handlung orientiert sich am Buch. Personen, die für die Entwicklung der Story keine große Rolle spielen, werden im Film völlig weggelassen. Emma Watson als Mae schafft es hervorragend, die Wandlung von der schüchternen Einsteigerin zur selbstbewussten Ideengeberin zu verkörpern.

Die Figur des Kalden, gespielt von John Boyega, entspricht so gar nicht der Beschreibung im Buch, aber darüber kann man hinwegsehen. Die geheimnisvolle Aura des IT-Nerds kommt im Film viel weniger deutlich heraus. Hier beruht die Enthüllung seiner wahren Identität eher auf einem Missverständnis zwischen Mae und ihm. Auch die Tatsache, dass Mae und Kalden eine Affäre beginnen, wird unterschlagen. Warum er im Film einen anderen Nachnamen bekommen musste, hat sich mir nicht erschlossen. Kann ein Computergenie mit russischem Namen dem Zuschauer nicht zugemutet werden?

Viel eindeutiger als das Buch positioniert sich der Film bei Mercers Tod: Während das Buch suggeriert, dass er sich absichtlich von der Brücke stürzt, wird im Film ein Unfall daraus. Durch diese Verharmlosung verliert der Rest des Films deutlich an Brisanz und Spannung.

Das filmische Ende nimmt sich einiges an künstlerischer Freiheit heraus: Kalden kann Mae überreden, ihr bei der Sabotage des Circle zu helfen. Er sorgt dafür, dass die geheime Kommunikation der beiden übrigen Gründer, Eamon Bailey und Tom Stenton, von Mae bei einer Präsentation vor den Mitarbeitern des Circle veröffentlicht wird und die geheimen Absichten der Führungsetage damit öffentlich werden. Das ist eine radikal andere Aussage als
die Vorlage eigentlich verfolgte. Warum diese 180-Grad-Wende? War das Ende des Buches schon lasch, wird es im Film noch verschlimmbessert.

Fazit:

Privatsphäre und die Macht von Internetkonzernen sind Themen, die uns in Zukunft noch häufig beschäftigen werden. Das Buch ist absolut lesenswert, obwohl die Charaktere ein bisschen mehr Tiefgang vertragen könnten. Wer damit leben kann, dass der Film eine komplett andere Richtung einschlägt als das Buch, kann damit zwei schöne Stunden verbringen.


Dave Eggers
Der Circle
Kiepenheuer & Witsch, 2014
ISBN 978-3-462-04675-5